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Weihnachten

Geschichte des Straßburger Weihnachtsmarkts: 450 Jahre Christkindelsmärik

Eine Predigt von 1570, ein Stadtrat, der am 4. Dezember entscheidet, und ein Markt, der viereinhalb Jahrhunderte Kriege, Krisen und Wiedergeburten übersteht: die wahre Geschichte des ältesten Weihnachtsmarkts Frankreichs.

Von Théo Lindner24. August 20265 Min. Lesezeit
Geschichte des Straßburger Weihnachtsmarkts: 450 Jahre Christkindelsmärik

Alles beginnt mit einer Predigt. 1570 wettert der Pfarrer Johannes Flinner im mittlerweile protestantischen Straßburger Münster von der Kanzel gegen einen Brauch, den er für skandalös hält: den Kindern am Nikolaustag Geschenke zu machen, ein Heiligenkult, der nach Papsttum rieche.

Am 4. Dezember 1570 entscheidet der Rat der XXI: die Nikolausmesse wird abgeschafft, aber die Händler dürfen ihren Markt unter einem neuen Patronat halten, dem des Christkinds, des Christkindel. Der Christkindelsmärik ist geboren, und mit ihm der älteste Weihnachtsmarkt Frankreichs, 450 Jahre später immer noch lebendig.

Vor 1570: der Nikolausmarkt

Straßburg hat nicht auf die Reformation gewartet, um im Winter Handel zu treiben. Schon seit dem späten 12. Jahrhundert kennt das Rheintal Märkte rund um das Nikolausfest, den Klausenmärik, gehalten um den 6. Dezember: die Eltern kauften dort Spielzeug, Lebkuchen, Süßigkeiten und Kerzen für die magische Nacht der braven Kinder.

In Straßburg umringten diese Buden das Münster. Die Kontinuität reicht also noch weiter zurück als das offizielle Datum: 1570 schafft keinen Markt, es verwandelt einen, den es seit Jahrhunderten gab.

Weihnachtsmarkthütte unter Lichterketten

1570: die Reformation tauft Weihnachten um

Straßburg nimmt 1525 die Reformation an. Der Nikolausmarkt wird damit zum theologischen Problem: einen Heiligen zu feiern gilt den lutherischen Pfarrern als römische Abgötterei.

Die Lösung von 1570 ist ein Meisterstück an Pragmatismus: man behält den Markt und wechselt den Schutzpatron. Die Geschenke bringt nicht mehr der heilige Nikolaus am 6. Dezember, sondern das Christkind in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Nebenbei hat Straßburg gerade etwas erfunden, das uns heute selbstverständlich erscheint: Geschenke an Weihnachten.

Ein schönes Detail: im Elsass verkörpert sich das Christkindel traditionell in einer weiblichen Figur, einem jungen Mädchen in Weiß mit einer Lichterkrone, verwandt mit den skandinavischen Gestalten wie der heiligen Lucia. Die lokale Volkskultur hat der Lehre nie ganz das Feld überlassen.

Vier Jahrhunderte Umzüge

So wie der Markt selbst über die Jahrhunderte von Platz zu Platz wanderte, liegt auch dieses Haus am Rand der Grande Île, nah genug an allen historischen Standorten, um sie zu Fuß nachzuvollziehen.

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Der Markt findet zunächst nahe dem Münster statt, auf dem Fronhof, der heutigen Place du Château. 1785 beschreibt die Baronin von Oberkirch eine Messe für die Kinder, die in der Woche vor Weihnachten bis Mitternacht dauert. Dann folgt der Markt den Wandlungen der Stadt:

  • Um 1830: Verlegung auf die Place d'Armes, die heutige Place Kléber, ins Handelsherz der Stadt.
  • 1848: ein Zwischenspiel vor dem alten Bahnhof, heute Place des Halles.
  • 1863: die Stadt stellt schöne Buden auf der Place Kléber in Reihen auf und begrenzt die Liste der erlaubten Waren, um die Verbindung zur Geburt Christi zu wahren. Die Debatte über die Echtheit des Markts ist also nicht neu.
  • 1870 und 1871: Umzug auf die Place Broglie, den früheren Pferdemarkt, bis heute seine historische Adresse.

Nur der Erste Weltkrieg unterbricht die Tradition, von 1914 bis 1918. In den 1960er Jahren ist der Christkindelsmärik, geöffnet vom 1. bis 24. Dezember, noch vor allem der Markt der Straßburger: man kauft dort seine Glaskugeln aus Meisenthal, seinen Lebkuchen aus Gertwiller und seinen Baum in der berühmten Tannenallee, den man erst am Abend des 24. schmückt, so will es der lokale Brauch.

Stand mit Weihnachtsschmuck auf einem Markt

Die 1970er und 1980er Jahre: der Markt, der beinahe starb

Das ist das Kapitel, das niemand erzählt: der Christkindelsmärik wäre fast verschwunden. Von den Supermärkten und von den deutschen Geschäften auf der anderen Rheinseite verdrängt, als teuer verschrien, durchlebt er zwei Jahrzehnte Flaute.

Eine Karikatur des Kabarettisten Germain Muller fasst die Zeit zusammen: enttäuschte Pariserinnen vor einem geschlossenen Markt und erloschener Beleuchtung am Abend des 24. Dezember. Straßburg, Hauptstadt von Weihnachten? Noch nicht.

Der Anstoß kommt von anderswo: 1987 zieht der kleine Markt von Kaysersberg, auf kulturellen und spirituellen Grundlagen gedacht, 200 000 Besucher im Jahr an. Die Region erkennt das Potenzial und startet die Kampagne, dass Weihnachten ein Land hat, das Elsass.

1992: die Geburt der Hauptstadt von Weihnachten

Straßburg antwortet im großen Stil: 1992 ruft sich die Stadt zur Hauptstadt von Weihnachten aus, dehnt den Markt auf rund ein Dutzend Plätze aus und fasst das Ganze unter einer gemeinsamen Identität zusammen.

Der Erfolg ist spektakulär: rund 2 Millionen Besucher pro Jahr in den 2010er Jahren, der Titel bester Weihnachtsmarkt Europas 2014, und inzwischen über 3 Millionen Besucher (3,4 Millionen im Rekordjahr 2024, 3,05 Millionen 2025, laut städtischen Bilanzen) bei rund 250 Millionen Euro wirtschaftlicher Wirkung.

Der Markt hat sich deshalb nicht aufgehört zu verändern: das solidarische Village du Partage 2002 auf der Place Kléber, der OFF-Markt der Sozial- und Solidarwirtschaft 2015, seit 2021 ein von einer Bürgerjury getragener Umbau (kurze Wege, Energiesparsamkeit, breitere Gassen) und 2025 die Zertifizierung ISO 20121 für nachhaltige Veranstaltungen.

Eine städtische Kommission wacht sogar über die Echtheit der Produkte: Churros und Paninis sind verboten, Sauerkraut und Flammkuchen erwünscht.

Die jüngsten Prüfungen

Die jüngere Geschichte hat auch dunkle Seiten. Am 11. Dezember 2018 trifft ein Terroranschlag den Markt und kostet fünf Menschen das Leben. Die Stadt hat seither ein Sicherheitskonzept verstärkt, das schon nach dem Berliner Anschlag von 2016 ausgebaut worden war, mit Fußgängerbereich und Kontrollen an den Zugängen zur Grande Île.

Und 2020 fällt der Markt zum ersten Mal seit Jahrhunderten aus, wegen der Pandemie. Nur der große Baum bleibt auf der Place Kléber stehen, Sinnbild einer Tradition, die sich beugt, aber nicht bricht.

Was diese Geschichte an Ihrem Besuch ändert

Wer diese Geschichte im Kopf hat, sieht die Stadt beim Ankommen mit anderen Augen. Reisende, die mit der Bahn kommen, finden im Bahnhofsviertel ein praktisches Quartier für den ersten und letzten Abend.

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Die Geschichte des Christkindelsmärik zu kennen verwandelt den Spaziergang: die Place Broglie ist keine Hüttenreihe mehr, sondern eine Kulisse, in der sich 150 Jahre Tradition wiederholen. Der Weg am Münster vorbei erinnert an den Ursprungsort.

Und der große Baum auf der Place Kléber bekommt eine andere Dimension, wenn man weiß, wofür er 2020 stand. Für die Planung des Besuchs selbst übernehmen unser vollständiger Guide zum Weihnachtsmarkt und der Plan der Märkte.

Hauptquellen: Archive und historische Notizen (Beschluss des Rats der XXI vom 4. Dezember 1570, Zeugnis der Baronin von Oberkirch von 1785), die offizielle Seite noel.strasbourg.eu (Rubrik zur Geschichte), Enzyklopädien und historische Aufbereitungen (Clio-Texte, France Bleu Alsace), städtische Bilanzen 2022 bis 2025 für die Besucherzahlen.

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Häufige Fragen

Welches ist der älteste Weihnachtsmarkt Frankreichs?
Der Straßburger Christkindelsmärik, geschaffen durch Beschluss des Rats der XXI am 4. Dezember 1570. Er war lange der einzige Weihnachtsmarkt Frankreichs: der zweitälteste bedeutende, Kaysersberg, entstand erst 1987, mehr als vier Jahrhunderte später.
Was bedeutet Christkindelsmärik?
Wörtlich Markt des Christkinds, auf Elsässisch. 1570 ersetzt die Reformation den als zu papistisch geltenden heiligen Nikolaus durch das Christkind als Geschenkebringer, und der Markt nimmt seinen Namen an.
Hat der Straßburger Weihnachtsmarkt immer stattgefunden?
Fast: in 450 Jahren wurde er nur während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 unterbrochen und einmal wegen der Pandemie abgesagt, 2020. In jenem Jahr blieb nur der große Baum auf der Place Kléber stehen, als Zeichen der Widerstandskraft.
Seit wann nennt sich Straßburg Hauptstadt von Weihnachten?
Seit 1992. Nach der Besucherkrise der 1970er und 1980er Jahre startet die Stadt diese Marke und dehnt den Markt auf rund ein Dutzend Plätze aus. Die Besucherzahl steigt von rund 2 Millionen pro Jahr in den 2010er Jahren auf heute über 3 Millionen.
Wo fand der Straßburger Weihnachtsmarkt im Lauf der Jahrhunderte statt?
Zuerst rund um das Münster und auf der heutigen Place du Château, vom 16. bis 18. Jahrhundert, dann ab etwa 1830 auf der Place Kléber, 1848 kurz vor dem alten Bahnhof, und schließlich ab 1870 und 1871 auf der Place Broglie, die sein historischer Standort geblieben ist.
Autorenprofil

Théo Lindner

Redakteur · Besichtigungen & Routen

Acht Jahre lang Gästeführer zwischen Münster und Neustadt, kennt Théo jeden Stein der Grande Île. Er entwirft die Routen des Guides, stoppt die Gehzeiten und findet die Aussichtspunkte, an denen die Reisegruppen vorbeilaufen.